Fakt: Weltweit sind etwa 2,6 bis 2,8 Prozent aller Erwachsenen von ADHS betroffen. Das ist keine Randnotiz – das hat Konsequenzen für Recruiting, Onboarding, Führung und Zusammenarbeit.
Wer faire und leistungsfähige Prozesse gestalten möchte, kommt an dem Thema kaum vorbei. Ziel ist es nicht, Mitarbeitende in Schubladen einzuordnen, sondern gute Arbeitsbedingungen für unterschiedliche Arbeitsweisen zu schaffen.
Was ADHS bei Erwachsenen bedeutet
Die ICD-11, das internationale Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (WHO), ordnet ADHS den „Störungen der neurologischen Entwicklung“ zu. Es handelt sich demnach um ein anhaltendes Muster von Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität-Impulsivität, das sich auf soziale, schulische oder berufliche Funktionsfähigkeit auswirkt.
Das Klischee vom zappelnden Kind passt auf Erwachsene selten: Die motorische Unruhe nimmt mit den Jahren oft ab, dafür bleiben innere Unruhe, Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit und Schwierigkeiten zu planen und zu priorisieren.
Genau das macht ADHS im Job schwer erkennbar und gleichzeitig relevant.
Weder Mode noch Charakterschwäche
Wichtig für die Einordnung: ADHS ist weder eine Mode noch Charakterschwäche. ADHS ist zu einem großen Teil genetisch bedingt. Außerdem zeigt sich, dass sich das Gehirn bei Menschen mit ADHS in einigen Bereichen anders entwickelt, insbesondere in den Netzwerken, die für Aufmerksamkeit, Planung und Selbststeuerung wichtig sind.
Schwierigkeiten mit Fokus, Impulskontrolle oder Zeitmanagement sind demnach kein Motivationsproblem. Sie sind funktional bedingt.
Wie sich ADHS im Arbeitsalltag zeigt
Typische Belastungspunkte sind Flüchtigkeitsfehler, angefangene, aber unvollendete Aufgaben, Reizoffenheit in lauten Umgebungen und impulsive Kommunikation. Eine Studie zu ADHS am Arbeitsplatz zeigt, dass Betroffene besonders häufig das Gefühl haben, hinter dem eigenen Potenzial zurückzubleiben.
Neuere Forschungen zeigen außerdem, dass Fähigkeiten wie Zeitmanagement, Organisation und Motivation einen großen Einfluss darauf haben, wie gut Menschen ihren Berufsalltag bewältigen – Arbeitsgestaltung, Rollenpassung und Führungsverhalten machen dabei einen messbaren Unterschied.
Was Recruiter konkret tun können
Inklusion beginnt schon in der Stellenanzeige. Klare Muss- und Kann-Kriterien, kurze Sätze, eine transparente Aufgabenbeschreibung und ein realistisches Bild des Arbeitsalltags helfen – nicht nur neurodivers betroffenen Bewerbenden, sondern allen. Im Auswahlprozess wirken strukturierte Interviews mit vorab kommuniziertem Ablauf und eindeutig formulierten Fragen fairer als spontane, wenig vorbereitbare Gesprächssituationen.
Rechtlich gilt: Die Frage nach einer Beeinträchtigung ist im Bewerbungsgespräch unzulässig, solange keine enge Ausnahme greift. Besser: Anforderungen und Rahmenbedingungen offen beschreiben, statt nach Diagnosen zu filtern.
Was im Onboarding und in der Führung hilft
Ein gutes Onboarding legt den Grundstein für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Gerade Menschen mit ADHS profitieren davon, wenn Erwartungen, Abläufe und Zuständigkeiten von Anfang an klar kommuniziert werden. Dazu gehören
- strukturierte Einarbeitungspläne
- schriftliche Gesprächsnotizen
- feste Ansprechpersonen
- regelmäßige Feedbacktermine
Kleinere Arbeitspakete mit klar definierten Zwischenzielen erleichtern ebenfalls den Einstieg und schaffen früh Erfolgserlebnisse.
Nach der Einarbeitung helfen weitere arbeitspsychologisch sinnvolle Arbeitsweisen: Führungskräfte sollten Aufgaben schriftlich bestätigen, Prioritäten klar benennen und größere Projekte in überschaubare Schritte unterteilen.
Für konzentrierte Arbeitsphasen können ruhigere Arbeitsumgebungen oder flexible Fokuszeiten hilfreich sein. Ebenso wichtig ist häufiges, konkretes Feedback, das Orientierung gibt und Unsicherheiten abbaut.
Das ist keine Sonderbehandlung. Es ist gute Arbeitsorganisation und von ihr profitiert meist das gesamte Team.
Der rechtliche Rahmen
ADHS bedeutet nicht automatisch einen Schwerbehindertenstatus. Maßgeblich sind Dauer und Ausmaß der Teilhabebeeinträchtigung: Als schwerbehindert gilt, wer einen Grad der Behinderung (GdB) von mindestens 50 hat, unter bestimmten Voraussetzungen ist eine Gleichstellung ab GdB 30 möglich. Das AGG schützt vor Benachteiligung wegen Behinderung.
Gesundheitsdaten – also auch Diagnosen – zählen zu den besonders sensiblen Daten. HR sollte deshalb funktional denken: Welche Arbeitsanforderung kollidiert mit welcher Barriere und welche Anpassung hilft?
Nach einer längeren Erkrankung kann ein Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) helfen, den Wiedereinstieg in den Beruf zu erleichtern. Dabei gilt: Persönliche Daten dürfen nur verarbeitet werden, wenn die betroffene Person darüber informiert wurde und freiwillig zustimmt.
Beispiele aus der Praxis
- Eine Recruiterin schickt vor dem Gespräch Ablauf, Gesprächspartner und Kernfragen vorab. Ergebnis: weniger Prüfungsangst, besser vergleichbare Interviews.
- Im Onboarding erhält ein neuer Mitarbeiter wöchentliche Prioritätenlisten, feste Check-in-Termine und schriftliche Meeting-Zusammenfassungen. Missverständnisse nehmen ab, Verbindlichkeit steigt.
- Eine Führungskraft erlaubt für Konzentrationsphasen einen ruhigeren Arbeitsplatz, blockt störungsfreie Zeiten im Kalender und zerlegt Projekte in prüfbare Zwischenziele.
Fazit
ADHS am Arbeitsplatz ist kein Nischenthema für Spezialisten, es betrifft (oft still und unerkannt) einen relevanten Teil jeder Belegschaft.
Die gute Nachricht: Wer die richtigen Weichen stellt, muss dafür weder Diagnosen erheben noch Sonderprogramme auflegen. Strukturierte Prozesse, klare Kommunikation und flexiblere Arbeitsbedingungen helfen betroffenen Mitarbeitenden und verbessern gleichzeitig die Arbeitsqualität im gesamten Team.
Ob sich Menschen mit unterschiedlichen Arbeitsweisen im Unternehmen gut zurechtfinden, entscheidet sich oft früher, als man denkt. Schon die Stellenanzeige und ein strukturiertes Onboarding können den Grundstein für einen erfolgreichen Start legen.
Wer Stellenanzeigen, Candidate Journey und Arbeitgeberkommunikation so aufsetzen möchte, dass sie klarer, fairer und gleichzeitig wirksamer für unterschiedliche Zielgruppen werden, braucht keine medizinische Kampagne, sondern gutes, ganzheitlich gedachtes Recruiting.
WESTPRESS unterstützt dabei – angefangen von der Formulierung und Schaltung von Stellenanzeigen bis hin zur Arbeitgeberpositionierung.
Checkliste für HR und Recruiting
Wie gut ist Ihr Unternehmen bereits auf unterschiedliche Arbeitsweisen vorbereitet? Die folgende Checkliste hilft Ihnen dabei, die wichtigsten Stellschrauben in Recruiting, Onboarding und Führung zu überprüfen.
- Ist die Stellenanzeige klar formuliert, d. h. ohne unnötige Hürden?
- Ist der Bewerbungsprozess transparent und strukturiert?
- Sind Prioritäten, Zuständigkeiten und Feedbackschleifen im Onboarding schriftlich festgelegt?
- Gibt es Möglichkeiten für konzentriertes, reizärmeres Arbeiten?
- Wird über konkrete Arbeitsanforderungen und beobachtbares Verhalten gesprochen, anstatt über vermutete Diagnosen??
- Werden bei Bedarf auch rechtliche Vorgaben zu Datenschutz, Gleichbehandlung und Unterstützung von Beschäftigten (z. B. BEM oder SGB IX) beachtet?
Können Sie diese Fragen überwiegend mit „Ja“ beantworten, sind Sie auf einem guten Weg.
Umfrage: ADHS am Arbeitsplatz